{"id":720,"date":"2025-10-30T13:58:50","date_gmt":"2025-10-30T12:58:50","guid":{"rendered":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/?p=720"},"modified":"2025-10-30T14:04:25","modified_gmt":"2025-10-30T13:04:25","slug":"genuegsamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/genuegsamkeit\/","title":{"rendered":"Gen\u00fcgsamkeit"},"content":{"rendered":"<p>Eine Online-Bekanntschaft sagte mir eines Tages: \u201eDu bist aber gen\u00fcgsam!\u201c. Sie sprach damit auf die Tatsache an, dass ich, ob es sich dabei um Haushaltsgegenst\u00e4nde oder Kleidung handelt, nur dann etwas kaufe, wenn ich es brauche. Ich ersetze Elektroger\u00e4te nur dann, wenn sie ihre Funktion nicht mehr erf\u00fcllen, weil sie etwa endg\u00fcltig defekt und nicht mehr zu reparieren sind, Kleidung nur, wenn sie nicht mehr oder nur noch f\u00fcr Garten- und Hausarbeit fern fremder Augen getragen werden kann. Ebenso bin ich der Meinung, dass unabh\u00e4ngig der Einkommensh\u00f6he besondere Dinge nur dann besondere Dinge sind, wenn sie ausgesuchten Gelegenheiten vorbehalten bleiben und jede Besonderheit verloren geht, wenn man sie sich jeden Tag g\u00f6nnen w\u00fcrde. Dass sich diese Einstellung auch nicht \u00e4ndern w\u00fcrde, wenn ich Milliard\u00e4r w\u00e4re, machte mich in den Augen dieser Bekannten jedenfalls zu einem Kuriosum, auch wenn ich nicht begriff, wieso. In ihrer Stimme mischten sich Erstaunen, Verbl\u00fcffung, Am\u00fcsiertheit, auch aber auch etwas Entt\u00e4uschung und Verst\u00e4ndnislosigkeit und es bestand kein Zweifel darin, dass der Satz missbilligend, ja gar sp\u00f6ttisch gemeint war. Aus ihrer Sicht war Gen\u00fcgsamkeit vermutlich so etwas wie Geiz und auf jeden Fall etwas Putziges, Goldiges, Fremdes, Naives, das nicht ernst zu nehmen war.<br \/>\nIch wiederum hatte nie \u00fcber diesen Begriff nachgedacht, das Wort selbst wohl noch nie benutzt \u2013 es h\u00e4tte vermutlich nicht einmal zu meinem aktiven Vokabular geh\u00f6rt. Das, was sie damit beschrieb, empfand ich lediglich als \u201enormal\u201c.<br \/>\nMir war bewusst, dass es Menschen gab, die andere Anspr\u00fcche haben, anders leben und denken als ich, und ich kannte sogar einige, aber war mir ihr Verhalten absolut egal, so h\u00e4tte ich es dennoch nicht f\u00fcr die Regel, das Normale, den Durchschnitt gehalten. Wenn ich nicht so entsetzlich gleichg\u00fcltig gewesen w\u00e4re \u2013 manche sagen dazu \u201etolerant\u201c, aber tats\u00e4chlich interessiert es mich schlichtweg in keiner Weise, wie andere solche Angelegenheiten handhaben \u2013 und wenn ich mir die Zeit genommen h\u00e4tte \u2013 hier w\u00fcrde ich eher sagen: meine Zeit damit verschwendet h\u00e4tte \u2013, \u00fcber sie nachzudenken, dann w\u00e4ren sie mir wahrscheinlich kaum sympathisch gewesen. Ihre Werte und Priorit\u00e4ten, man k\u00f6nnte sagen: ihre Wirklichkeit und ihre Wahrheit, ihre Einstellung zu Leben und Dingen w\u00e4ren nicht meine. Bestenfalls w\u00e4ren sie mir fremd gewesen, schlimmstenfalls h\u00e4tte ich mir selbst eingestehen m\u00fcssen, dass ich sie als dumm und unreflektiert empfinde. Gl\u00fccklicherweise ist f\u00fcr mich \u201eleben und leben lassen\u201c nicht nur ein dahingeworfener Spruch, er entspricht wirklich meiner Art, anderen zu begegnen.<\/p>\n<p>Gleichwohl war mir die Gier nach \u201eimmer mehr\u201c schon als Kind im Grundschulalter unverst\u00e4ndlich. Warum Wirtschaftswachstum etwa so wichtig sei und weniger Gewinn, was immer noch Gewinn \u00fcberhaupt bedeutete, als Katastrophe stilisiert wurde, erschloss sich mir nicht, und die Antworten der Erwachsenen wollten mich dahingehend nicht befriedigen. Vermutlich fehlt mir die F\u00e4higkeit, zu reifen, denn darin hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert. Ich begreife nach wie vor nicht, was der Reiz daran sein kann, die Karriereleiter hochzuklettern, wenn man genug verdient, um sich sicher und bequem zu versorgen, und das heutige Firmenhopping auf der Suche nach einer immer besseren Anstellung finde ich schlicht l\u00e4cherlich. Ehrgeiz sollte sich in meiner Vorstellung in dem Willen \u00e4u\u00dfern, sinnerf\u00fcllt zu arbeiten und es in dem, was man tut, zu Perfektion und Virtuosit\u00e4t zu bringen. Das \u201eImmer mehr\u201c in Kategorien von \u201eGeld-oder-Wohlstand-wollen\u201c empfand ich schon als kleiner Knirps als hohl.<\/p>\n<p>Was ich damals nicht wusste, war, dass diese offenbar spotterregende Eigenschaft nur wenige Jahrzehnte sp\u00e4ter unter der Bezeichnung \u201enachhaltig leben\u201c Mode und Konzept werden sollte. Der Kontakt zu dieser Bekanntschaft, die eher oberfl\u00e4chlicher Natur war, besteht schon lange nicht mehr, aber ich muss oft schmunzelnd an sie denken und frage mich, was sie von dem heutigen Trend h\u00e4lt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Online-Bekanntschaft sagte mir eines Tages: \u201eDu bist aber gen\u00fcgsam!\u201c. 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