{"id":586,"date":"2021-03-11T09:14:15","date_gmt":"2021-03-11T08:14:15","guid":{"rendered":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/?p=586"},"modified":"2025-10-16T13:34:04","modified_gmt":"2025-10-16T11:34:04","slug":"zukunft-der-wirtschaft-vom-japanischen-handwerk-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/zukunft-der-wirtschaft-vom-japanischen-handwerk-lernen\/","title":{"rendered":"Zukunft der Wirtschaft: vom japanischen Handwerk lernen"},"content":{"rendered":"<p>Japan ist bunt, modern, technisiert. Es ist die Heimat der KI, der ersten selbst\u00e4ndig sprechenden Roboter, der knalligen Neonwerbungen und gl\u00e4nzenden Glasfassaden. Aber es gibt auch ein anderes Japan: dasjenige der Kalligraphie, der im Alltag getragenen Kimonos, der Maikos, der Hausschreine und des Noshibukuro. Handwerk und Kunsthandwerk in Japan sind Ausdruck dieser beiden Facetten und zeigen, wie sie in Harmonie zu bestehen verm\u00f6gen.<!--more--><\/p>\n<h2><strong>Ein unverkrampftes Miteinander von Gestern und Morgen<\/strong><\/h2>\n<p style=\"margin-top: 0px; padding-top: 0px;\">Was in der westlichen Denkart ein Widerspruch zu sein scheint und bestenfalls als ein Nebeneinander zweier im Grunde einander immer fremder werdenden Welten gedeutet werden k\u00f6nnte, beruht weder auf einem gegenseitigen Ignorieren noch auf einem sich dem Ende zu bewegenden kulturellen Machtkampf. Tradition und Fortschritt sind in der japanischen Anschauung nicht die zwei entgegensetzten Seiten einer Medaille und ebenso wenig feindliche Lager, vielmehr gehen sie unvermeidlich und stimmig Hand in Hand.<br \/>\nTradition ist in der gelebten japanischen Philosophie kein stures, sklavisches und rechthaberisches Festhalten an unver\u00e4nderlichen Vorstellungen: Sie wird als etwas Organisches aufgefasst, das auch als solches gepflegt und am Leben gehalten werden soll und muss, weil es der Natur des Menschen und der Dinge entspricht. Daf\u00fcr ist es n\u00f6tig, Traditionen in all ihren Formen und Ausdrucksweisen bewusst und aktiv in die Gegenwart und die Zukunft zu \u00fcberf\u00fchren: durch sanfte, behutsame, aber stetige Anpassungen und kleine Ver\u00e4nderungen. Traditionen werden nicht als verstaubtes Relikt und an G\u00fcltigkeit verlierende Wirklichkeit betrachtet, sondern als Ausdruck zeitloser Werte \u2013 und damit als sch\u00fctzenswert und bedingungslos zukunftstr\u00e4chtig.<\/p>\n<h2><strong>Der Alltag als Scharnier zwischen Alt und Neu<\/strong><\/h2>\n<p style=\"margin-top: 0px; padding-top: 0px;\">Am Beispiel des Brauchtums zeigt sich, wie flexibel und offen vermeintlich alte Dinge gehandhabt werden k\u00f6nnen. So wei\u00df der Handel das Neujahrsritual der Osechi-ry\u014dri durch Convenience-Angebote f\u00fcr Gestresste und Singles anzupassen, ohne auf die erwartete Qualit\u00e4t zu verzichten oder optische Grunds\u00e4tze zu verletzen.<br \/>\nGerade die kleinen Handwerksbetriebe, deren Untergang besiegelt sein k\u00f6nnte, wissen sich neue Ziele zu setzen und lassen den westlichen Begriff der Disruption als reichlich bem\u00fcht, \u00fcberfl\u00fcssig und l\u00e4cherlich erscheinen. Nachdem der Bedarf an traditionellem Haarschmuck f\u00fcr Geikos und Maikos es nicht mehr erm\u00f6glicht, kostendeckend zu arbeiten, haben es die kleinen Werkst\u00e4tten auch ganz ohne Unternehmens- oder Marketingberater verstanden, neue M\u00e4rkte zu erschlie\u00dfen, und bieten heute in feschen kleinen Boutiquen Haarspangen und Ohrringe f\u00fcr Teenager und Touristen an. Einen \u00e4hnlichen Einfallsreichtum beweisen die Drahtnetzdreher, deren Handarbeit qualitativ zwar noch gesch\u00e4tzt wird, die allerdings im Allgemeinen nicht mit der anerkannterma\u00dfen minderwertigeren, jedoch preiswerteren und schnelleren industriellen Fertigung von Tofu-Sch\u00f6pfsiebl\u00f6ffeln konkurrieren k\u00f6nnen: Sie arbeiten nicht nur noch im kleinen Ma\u00dfstab und im h\u00f6heren Preissegment f\u00fcr hochwertige und ebenfalls handwerkliche Produzenten, sondern nutzen ihre Fertigkeiten auch, um Untersetzer, Obstk\u00f6rbe, Flaschenregale, Lampenschirme, Badezimmerutensilien und dergleichen zu flechten. Das Handwerk bleibt, das Produkt \u00e4ndert sich.<br \/>\nDabei werden diese Ver\u00e4nderungen, die sich aus der wirtschaftlichen Notwendigkeit einer sich immer schneller drehenden Welt ergeben, nicht als Niederlage, Opfer oder Kompromiss empfunden. Sie sind das Spiegelbild des nat\u00fcrlichen Gangs der Dinge und eine interessante Herausforderung, die die Arbeit mit frischem Sinn und Motivation erf\u00fcllt.<\/p>\n<h2><strong>Bewahren hei\u00dft nicht Stillstehen<\/strong><\/h2>\n<p style=\"margin-top: 0px; padding-top: 0px;\">Dass alte handwerkliche Techniken ohne Verbitterung oder Bedauern umfunktioniert werden, hat viel mit dem Verst\u00e4ndnis von Zeit, Natur und Respekt zu tun.<br \/>\nEs geht nicht um das Bewahren um des Bewahrens willen, wie man es in einem Heimatmuseum tun w\u00fcrde, wo ausgestorbene oder aussterbende Praktiken und Lebensweisen wie Zirkustiere als Kuriosit\u00e4ten oder Niedlich-Belustigendes vorgef\u00fchrt werden \u2013 dies mitunter mit der nicht geringen, wenn auch unbewussten \u00dcberheblichkeit und Hybris des \u201emodernen\u201c industrialisierten Homo sapiens. Vielmehr ist es in Japan wichtig, Werte im Leben und am Leben zu erhalten, ihnen zu erm\u00f6glichen, den Alltag zu begleiten. Traditionen werden daher als Verpflichtung, jedoch nicht als B\u00fcrde oder Selbstzweck erlebt. Das Festhalten an der guten alten Zeit ist keine Rechthaberei und Ewiggestrigkeit, keine Nostalgie oder Idealisierung, es gestaltet bewusst das echte Leben im Jetzt und in Zukunft.<br \/>\nTraditionen werden in Japan nicht aus einer rein historischen Dimension heraus in die Gegenwart \u00fcberf\u00fchrt, damit sie irgendwie \u00fcberleben. Dies geschieht im Gegenteil aus dem Glauben einer Notwenigkeit heraus, aus dem Willen, etwas zu \u00fcbermitteln, das durch nichts anderes gegeben werden kann und entscheidend zur Lebensqualit\u00e4t beitr\u00e4gt, bzw. das allein diese Form von Lebensqualit\u00e4t schenken kann. Diese \u00dcberzeugung ist tief verwurzelt und wird generationen\u00fcbergreifend aufrichtig empfunden.<\/p>\n<h2><strong>Kontinuit\u00e4t als Tr\u00e4ger des Fortschritts<\/strong><\/h2>\n<p style=\"margin-top: 0px; padding-top: 0px;\">Traditionelle Werte, Praktiken und Arbeitsweisen aus alten Tagen werden nicht als Widerspruch zu der permanenten Weiterentwicklung der Wirtschaft betrachtet, weil gerade sie es sind, die die erforderlichen Mechanismen liefern, ohne die Fortschritt nicht entstehen k\u00f6nnte. Deshalb verkommt traditionelles Handwerk eben nicht zur Folklore: Es \u00f6ffnet durch Kontinuit\u00e4t den Weg in nachhaltiges Handeln.<br \/>\nDisruption existiert in Japan niemals als Tabula rasa: Es wird stets gr\u00fcndlich hinterfragt, wie althergebrachte \u00fcberlieferte Techniken dazu beitragen k\u00f6nnten, neue Produkte f\u00fcr die Welt von heute zu kreieren. Junge Grafikdesigner etwa integrieren Kamons mit gr\u00f6\u00dfter Sorgfalt und Liebe in neue Logos und widmen der modernisierten Verwendung alter grafischer Muster in Website-Oberfl\u00e4chen tiefgr\u00fcndige und ehrf\u00fcrchtige \u00dcberlegungen. Nichts wird aufgegeben, nichts als obsolet abgeschrieben, nichts vollst\u00e4ndig abgeschafft, sondern so viel beihalten wie m\u00f6glich und so wenig ge\u00e4ndert wie n\u00f6tig, neu durchdacht und neu erdacht. Kontinuit\u00e4t ist ein Garant f\u00fcr Qualit\u00e4tsbewusstsein und somit ein wirtschaftlich-ethischer Faktor der \u00f6konomischen Entwicklung.<\/p>\n<h2><strong>Angstfreie und friedliche Koexistenz<\/strong><\/h2>\n<p style=\"margin-top: 0px; padding-top: 0px;\">Aus dieser Sichtweise heraus sind Industrie und Automatisierung f\u00fcr das Handwerk keine Bedrohung, stellen keine potentielle Zerst\u00f6rung der Existenzgrundlage dar. Beide bestehen erfolgreich parallel zueinander und erg\u00e4nzen einander: auf dem Markt, weil sie mit \u00dcberzeugung unterschiedliche Erwartungen und Bed\u00fcrfnisse bedienen; in der Produktion, weil gro\u00dfe Unternehmen von den kleinen lernen bzw. sich ihrer Fertigkeiten bedienen und sie f\u00fcr ganz besondere Auftr\u00e4ge als Zulieferer beauftragen. Der Glaube, dass in der Wirtschaft f\u00fcr beide nebeneinander genug Platz ist, f\u00fchrt zu einem neidfreien Verh\u00e4ltnis und gegenseitigem Befruchten. Handwerker und Kunsthandwerker empfinden sich nicht als Opfer, als ausgeliefert und bedroht. Die Herausforderung steigert ihr Gef\u00fchl f\u00fcr ihre Mission, ihr Selbstbewusstsein, spornt sie zu einer neuen Kreativit\u00e4t, zu einer Steigerung der Qualit\u00e4t ihrer Arbeit an, hilft ihnen, ein neues Niveau, eine h\u00f6here Stufe der eigenen Kompetenz zu erreichen, die sie als bereichernd erleben.<\/p>\n<h2><strong>Alles flie\u00dft \u2013 in Balance<\/strong><\/h2>\n<p style=\"margin-top: 0px; padding-top: 0px;\">W\u00e4hrend im Westen passiv zugesehen wird, wie industrielle Produktion die Daseinsberechtigung von Handwerk und Kunsthandwerk in Frage stellt, sind Japan Def\u00e4tismus und Selbstmitleid fern. Die Reflexion \u00fcber die eigenen Inhalte und eine aktive und positive Lebenseinstellung f\u00fchren zu einer neuen, st\u00e4rkeren Kreativit\u00e4t, der Erschlie\u00dfung origineller und erfolgreicher Nischen, zu immer gesch\u00e4tzteren Produkten f\u00fcr neue Zielgruppen. Entwicklung und Innovation werden im Spiegelbild des Zyklus\u2019 der Natur als normal, als Teil des Lebens aufgefasst.<br \/>\nDer Erfolg dieser Denkweise liegt nicht zuletzt in der Bescheidenheit und der F\u00e4higkeit, den eigenen Platz zu kennen, gepaart mit dem Stolz, hochwertige Arbeit zu liefern. Die Balance zwischen Demut und Gen\u00fcgsamkeit einerseits, Perfektionismus, Sinnsuche und Ehrgef\u00fchl andererseits erm\u00f6glicht diese unaufgeregte und deshalb effizientere und effektivere Einstellung, eine damit verbundene sinnvolle und sinnstiftende Arbeit und deren Erfolg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die im Westen mittlerweile immer sch\u00e4rfere Polarisierung zwischen Handwerk und Kunsthandwerk auf der Verlierer- und Opferseite und der erfolgreichen Industrie als Sinnbild von Fortschritt und Wachstum auf der anderen Seite ist kein unabwendbares Schicksal. Noch w\u00e4re es m\u00f6glich, umzudenken, und einige w\u00e4hrend und aufgrund der Coronakrise in Spanien und Frankreich aufgekommene Tendenzen zeigen, dass dieser Weg noch nicht vollst\u00e4ndig verbaut ist. Uns im deutschen Sprachraum w\u00fcrde er mehr als nur gut tun \u2013 auch wenn leider unwahrscheinlich ist, dass er hier gew\u00fcnscht wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Japan ist bunt, modern, technisiert. Es ist die Heimat der KI, der ersten selbst\u00e4ndig sprechenden Roboter, der knalligen Neonwerbungen und gl\u00e4nzenden Glasfassaden. Aber es gibt<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/zukunft-der-wirtschaft-vom-japanischen-handwerk-lernen\/\">mehr<span class=\"screen-reader-text\">Zukunft der Wirtschaft: vom japanischen Handwerk lernen<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":714,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39],"tags":[11,38,8,12,24,31,15,16,25,14,13,33,23,9,17],"class_list":["post-586","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","tag-alte-berufe","tag-alte-werte","tag-aesthetik","tag-echte-werte","tag-ethik","tag-genuegsamkeit","tag-handwerk","tag-heritage-crafts","tag-konsum","tag-kreative-berufe","tag-kreativitaet","tag-marketing","tag-rechthaberei","tag-wirtschaft","tag-zukunft","ratio-natural","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/586","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=586"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/586\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":715,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/586\/revisions\/715"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/714"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=586"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=586"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=586"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}