{"id":566,"date":"2020-11-16T15:13:03","date_gmt":"2020-11-16T14:13:03","guid":{"rendered":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/?p=566"},"modified":"2020-11-18T16:35:34","modified_gmt":"2020-11-18T15:35:34","slug":"frau-zabels-gemuesekisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/frau-zabels-gemuesekisten\/","title":{"rendered":"Frau Zabels Gem\u00fcsekisten"},"content":{"rendered":"<p>Wer in einer Kleinstadt inmitten einer l\u00e4ndlichen und eher stetig aussterbenden Region aufw\u00e4chst, hat das Gl\u00fcck eines Erinnerungsrepertoires, vom dem andere nichts auch nur ahnen k\u00f6nnen. Skurrile Menschen, abwegig erscheinende Biografien, viele alte und gelebte Traditionen und Berufe waren selbstverst\u00e4ndlicher Teil meiner Kindheit, und dass ich sie als gegeben und nat\u00fcrlich nahm, ist m\u00f6glicherweise einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr dieses Blog: Ich lernte noch Werte, die heute oft vergessen sind, f\u00fcr mich jedoch lebendig bleiben.<\/p>\n<p>Zu den seltsamen Figuren, die mich schon im Vorschulalter faszinierten, geh\u00f6rte Frau Zabel*.W\u00e4hrend ich damals nicht in Worten h\u00e4tte ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, warum, wei\u00df ich es nun : Es waren die Widerspr\u00fcche, die sie ausstrahlte, die mir r\u00e4tselhaft und erkundungswert schienen, es war die unerz\u00e4hlte Geschichte, die ich ersp\u00fcrte.<\/p>\n<p>Frau Zabel war gro\u00dfgewachsen und schlank, aber sie war keine attraktive Frau. Ihre grauen starken Naturlocken waren sehr nachl\u00e4ssig zu einem nicht wirklich gelungenen asymmetrischen und strubbeligen Bob geschnitten, sie trug von Dreck und Schlamm verkrustete M\u00e4nnerschuhe, ihre rissigen H\u00e4nde und kurzen, ungepflegten N\u00e4gel waren immer schwarz vor Erde, und ich habe sie in den vielen Jahren, in denen ich ihr fast t\u00e4glich begegnete, niemals anders gekleidet gesehen als mit einem alten Hemd, einem unf\u00f6rmigen grauen Wollrock und einer l\u00f6cherigen lodengr\u00fcnen Strickjacke mit Lederkn\u00f6pfen im Winter und einem Kittelkleid im Hochsommer. Sie trug dazu sehr dicke beige und ausgeleierte Kniestr\u00fcmpfe, bei warmem Wetter S\u00f6ckchen, die ebenfalls den Eindruck vermittelten, als h\u00e4tten sie es reichlich satt, seit Jahrzehnten getragen zu werden. An ihrem G\u00fcrtel hing eine \u00fcberdimensionale zerfledderte Lederb\u00f6rse, wie sie Kellner zuweilen trugen.<br \/>\nTrotz dieser robusten Erscheinung war Frau Zabel ein ausgesprochen sch\u00fcchterner Mensch. Sie gr\u00fc\u00dfte h\u00f6flich, schwieg ansonsten, wenn sie nicht konkret angesprochen wurde, und auch dann fielen ihre Antworten, die sie mit erstaunlich leiser Stimme nur z\u00f6gernd zu geben schien, eher einsilbig aus. Dennoch wirkte sie niemals unfreundlich oder abweisend, nur scheu und verloren, verunsichert und fremd. Ich sp\u00fcrte regerecht, wie unwohl sie sich unter Menschen f\u00fchlte \u2013 und sie tat mir, dem kleinen M\u00e4dchen, das ihr gerade mal bis zum Knie und sp\u00e4ter bis zur H\u00fcfte reichte, daf\u00fcr unendlich leid.<br \/>\nSie trug einen Ehering, und in unserem Viertel hie\u00df es, sie habe sehr darunter gelitten, keine Kinder bekommen zu haben. Mir fiel es schwer, zu verstehen, dass sie Gef\u00fchle dieser Art gehabt haben konnte \u2013 schien sie doch immer gleich und neutral gelaunt zu sein. Sie war f\u00fcr mich ein Sinnbild des Gleichmuts, ich konnte sie mir weder lachend noch weinend vorstellen und ich fragte mich oft insgeheim, wie Herr Zabel wohl aussehen mochte.<\/p>\n<p>Jeden zweiten Tag hielt Frau Zabel gegen 11 Uhr in einem grauen und verdreckten Kombi vor der T\u00fcr des Tante-Emma-Ladens an, in dem meine Mutter ihre Eink\u00e4ufe erledigte. Dass sie sich versp\u00e4tete, kam nur selten vor, und das Ereignis wurde von den erwartungsfrohen Kundinnen dann auch stets sorgenvoll kommentiert.<br \/>\nWenn sie ausstieg und das winzige Gesch\u00e4ft betrat, in dem durchaus mit einer gewissen Aufregung auf sie gewartet wurde, entspann sich mit der Zuverl\u00e4ssigkeit eines Schweizer Uhrwerks ein fast nonverbaler Dialog, der nur f\u00fcr die anwesenden Eingeweihten nachvollziehbar war. Frau Zabel stand in der offenen T\u00fcr mit einem Fu\u00df auf der Schwelle, gr\u00fc\u00dfte err\u00f6tend in die Runde. Das Kinn der Ladenbesitzerin schob sich leicht und schnell nach vorne und machte auf diese Weise jede konkrete Frage \u00fcberfl\u00fcssig. Die Antwort kam ebenfalls z\u00fcgig und schn\u00f6rkellos daher:<br \/>\n\u201e2 und eine halbe. Und noch eine halbe\u201c<br \/>\nJe nach der Zahl, die genannt wurde, fielen die Reaktionen entt\u00e4uscht oder erfreut aus.<br \/>\n\u201eIst nicht viel \u2026 Morgen?\u201c<br \/>\nFrau Zabel begleitet ihre Antwort nun mit einem Achselzucken: \u201eVielleicht \u2026\u201c<br \/>\nWas f\u00fcr unge\u00fcbte Ohren sicher kryptisch geklungen h\u00e4tte, erschloss sich hier jedem anhand der Jahreszeit. Je nach Monat lieferte Frau Zabel Tomaten, M\u00f6hren, Kopfsalat, Prinzessbohnen, Wirsing, Lauch und Kartoffeln, sowie Erdbeeren, Kirschen, Pflaumen und \u00c4pfel. Weil sie und ihr Mann nur \u00fcber ein Grundst\u00fcck verf\u00fcgten, das kaum gr\u00f6\u00dfer als ein Stadtgarten war, blieb ihr Angebot \u00fcbersichtlich, und sie bem\u00fchte sich, ihre Ware gerecht unter ihren insgesamt sechs Kunden aufzuteilen. Die erste Zahl bezeichnete die Holzkisten des Hauptgem\u00fcses der Saison, die sie je Gesch\u00e4ft abgeben konnte, die zweite die Anzahl der Obstkisten, und die dritte, so es sie gab, bezog sich auf eine kleine zus\u00e4tzliche Menge, die sich entweder aus einer unerwartet reichen Ernte oder aus einer Absage eines der kleinen L\u00e4den auf ihrer Route ergab. Manchmal handelte es sich auch um etwas, das nicht im eigentlichen Sinn zu ihren \u00fcblichen Produkten geh\u00f6rte \u2013 etwa Gurken, R\u00fcben oder Radieschen im Fr\u00fchjahr, Haseln\u00fcsse, Esskastanien oder Pilze im Herbst, oder um eine kleine Mischkiste mit verschiedenen Gem\u00fcsesorten oder Eiern. Wer zu einem bestimmten Zweck mehr brauchte, konnte es ihr im Voraus und rechtzeitig sagen \u2013 andere Kunden mussten sich an jenem Tag mit weniger oder gar nichts zufriedengeben.<br \/>\nNachdem die entsprechenden Mengen mit einem Nicken akzeptiert worden waren, holte Frau Zabel das Gem\u00fcse aus dem Kofferraum und stellte es selbst auf die Metallst\u00e4nder, die darauf warteten, gef\u00fcllt zu werden. Im Gegenzug nahm sie die leeren Holzkisten vom Vortag wieder mit. Danach schrieb sie in einen kleinen Notizblock mit Karbonpapier eine Zahl und zeigte sie der Ladenbesitzerin. Dieser Vorgang war eher eine H\u00f6flichkeit als eine kaufm\u00e4nnische Verhandlung, und beide wussten das. Anschlie\u00dfend verlie\u00df sie h\u00f6flich nickend das Gesch\u00e4ft und fuhr weiter. Einmal im Monat z\u00fcckte sie ihre riesige schwarze Geldb\u00f6rse, in die der Erl\u00f6s f\u00fcr die Verk\u00e4ufe der letzten Wochen gegen ordnungsgem\u00e4\u00dfe Quittung wanderte. Hatte die Kundschaft die Ware wegen ihrer Frische und ihres Geschmacks besonders gelobt, wurde der vereinbarte Betrag gern und gro\u00dfz\u00fcgig aufgerundet. Tats\u00e4chlich vermisse ich diese Qualit\u00e4t heute noch und muss oft an sie denken.<\/p>\n<p>Frau Zabel und ihr Mann lebten auf einem winzigen Bauernhof. Frau Zabel lud niemanden zu sich ein, und nur durch einen Zufall bekam ich eines Tages die Gelegenheit, ihn zu sehen. Es war ein niedlicher Ort wie aus einer Kinderbuch-Illustration. Eine holperige, rechts mit hohen Margeriten ges\u00e4umte Stra\u00dfe f\u00fchrte zu ihrem Vorhof, in dem ein m\u00fcder und kuschelwilliger Hirtenhund vor sich hin d\u00f6ste. Auf der linken Wegseite kurz vor dem Haus stritten auf einer gro\u00dfen Wiese ein Dutzend Hennen und ein Hahn um Maisk\u00f6rner. Hinter dem alten, aber erstaunlich gepflegten Geb\u00e4ude erstreckte sich ein Garten von etwa 130 m\u00b2, in dem Gem\u00fcsereihen und Obstb\u00e4ume wild durcheinandergemischt ungest\u00f6rt wachsen konnten und an dessen Ende sich ein kleiner Schweinepfuhl befand. Keine Felder, keine Traktoren, kein Personal. Nur ein Garten von beschaulicher Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>Eines sch\u00f6nen Juni-Tages, eine Woche nach ihrem 68. Geburtstag, verk\u00fcndete Frau Zabel, dass sie nun in Rente gehe und dies ihre letzte Fahrt sei. Sie hatte die Fahrten in die 30 km entfernte Stadt satt, verkaufte ihr Auto und vermietete von nun an das, was die gro\u00dfe H\u00fchnerwiese gewesen war, an ein junges Paar, das dort in einem kleinen Wohnwagen die Wochenenden und Ferien verbringen wollte. Den Garten bewirtschafteten sie und ihr Mann nun nur noch f\u00fcr sich selbst. Sie verkleinerten ihn etwas f\u00fcr ihren Bedarf, richteten den hinteren Teil zu einer neuen H\u00fchnerwiese um und gaben den Rest der Natur zur\u00fcck. Nunmehr drei Hennen lebten hier mit dem Hahn, und \u00fcbersch\u00fcssige Eier, Obst oder Gem\u00fcsekonserven wurden als Nebeneinkommen bzw. Rente an ihre Wochenendbesucher verkauft. Wenige Jahre sp\u00e4ter, als ihnen die k\u00f6rperliche Arbeit zunehmend schwerfiel, \u00fcbernahm ein Neffe kostenlos, jedoch gegen ein dauerhaftes Bleiberecht f\u00fcr Onkel und Tante den Hof, kaufte ein benachbartes Grundst\u00fcck hinzu, nahm zur gro\u00dfen Freude der Stammkundschaft die Belieferung der kleinen Tante-Emma-L\u00e4den wieder auf und bot seine Ware auf dem Wochenmarkt an.<\/p>\n<p>Aus heutiger Sicht waren Herr und Frau Zabel Selbstversorger. Sie ern\u00e4hrten sich von dem, was sie produzierten, verkauften den \u00dcberschuss und bezahlten damit Strom, Gas, Wasser und was f\u00fcr ihr Auto n\u00f6tig war. Nur gab es daf\u00fcr damals keine hippe Bezeichnung, die Aussteigertr\u00e4ume befeuert h\u00e4tte, keine \u00dcberlegung um einen \u201ealternativen Lebensentwurf\u201c \u2013 lediglich ein Leben voller Selbstverst\u00e4ndlichkeit, das nicht mit pseudointellektuellen Begriffen wie \u201enaturverbunden\u201c oder \u201enaturnah\u201c interessant und erstrebenswert geredet werden musste, ein Dasein, wie die Natur es tats\u00e4chlich vorsah: unaufgeregt, frei, echt.<br \/>\nObwohl ich eine ungemein reinliche und \u00fcberaus kritische kleine Person war, st\u00f6rte es mich seltsamerweise nie, dass Frau Zabel eher wie eine Obdachlose aussah. Wenn sie das kleine Gesch\u00e4ft betrat, f\u00fchlte ich mich auf einmal und unerkl\u00e4rlicherweise geborgen, entspannt und fr\u00f6hlich. Etwas an ihr fand ich anziehend, und ich mochte sie einfach. Heute glaube ich zu wissen, wieso: Es war nicht nur die versteckte Freundlichkeit, die ab und zu in ihren gl\u00e4nzenden blauen Augen hervorblitzte und die ich ahnte und verstand. Frau Zabel ruhte in sich selbst. Sie war sch\u00fcchtern, aber auf ihre Art auch selbstbewusst, sie f\u00fchrte ein selbstbestimmtes und authentisches Leben und war im Einklang mit sich selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der mittlerweile vollst\u00e4ndig verwaisten Region, die die in meinen kindlichen Augen r\u00e4tselhafte Frau Zabel bis zu ihrem Tod in ihrem 93. Lebensjahr nie verlie\u00df, siedeln sich heute erneut Menschen an, die von dort stammen und sich f\u00fcr diese Art von Leben entscheiden, weil sie sie noch, wie ich, aus ihren Kindheitserinnerungen kennen und sie gerade deshalb in unserer von beruflichen und gesundheitlichen Unsicherheiten gepr\u00e4gten Zeit als ma\u00df- und sinnvollen, ja tr\u00f6stlichen Ausweg sehen. Erfreulicherweise scheinen sie es ernst zu meinen**.Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn aus diesen Vorhaben \u00fcber den Hype hinaus tats\u00e4chlich eine reife und zukunftstr\u00e4chtige Entscheidung erwachsen k\u00f6nnte \u2013 eine Entscheidung, wie Frau Zabel sie vielleicht nie bewusst getroffen hat, die sie aber sicher begr\u00fc\u00dfen w\u00fcrde, und die ihr Andenken ehren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>*Obwohl Frau Zabel schon lange verstorben ist und keine Nachkommen hinterlie\u00df, wurde der Name ge\u00e4ndert.<br \/>\n**Klein&amp;Fein wird demn\u00e4chst dar\u00fcber berichten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer in einer Kleinstadt inmitten einer l\u00e4ndlichen und eher stetig aussterbenden Region aufw\u00e4chst, hat das Gl\u00fcck eines Erinnerungsrepertoires, vom dem andere nichts auch nur ahnen&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/frau-zabels-gemuesekisten\/\">mehr<span class=\"screen-reader-text\">Frau Zabels Gem\u00fcsekisten<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":581,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30,29],"tags":[38,31,34,25,32,36,37,35,21,9,17],"class_list":["post-566","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-features","category-portraets","tag-alte-werte","tag-genuegsamkeit","tag-hofladen","tag-konsum","tag-landwirtschaftliche-erzeugnisse","tag-lebensmittelqualitaet","tag-selbstbestimmheit","tag-selbstversorger","tag-umwelt","tag-wirtschaft","tag-zukunft","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/566","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=566"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/566\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":573,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/566\/revisions\/573"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/581"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=566"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=566"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=566"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}