{"id":533,"date":"2020-10-08T21:40:33","date_gmt":"2020-10-08T19:40:33","guid":{"rendered":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/?p=533"},"modified":"2020-10-08T22:07:16","modified_gmt":"2020-10-08T20:07:16","slug":"bindfaden-und-pappe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/bindfaden-und-pappe\/","title":{"rendered":"Bindfaden und Pappe"},"content":{"rendered":"<p>Wer im Sommer \u00fcber Landstra\u00dfen durch die franz\u00f6sische Provinz f\u00e4hrt \u2013 sei es, um weitab der Autobahn Staus zu entgehen oder die malerische Sch\u00f6nheit und Ruhe weniger bev\u00f6lkerter Regionen zu genie\u00dfen \u2013 kennt diese Schilder nur zu gut: Am Stamm einer stolzen Platane, an einem Pfahl am Ackerzaun h\u00e4ngt ein St\u00fcck mit Bindfaden oder Stacheldraht befestigte Pappe, auf die mit Marker mehr oder minder leserlich ein Pfeil und ein Wort oder ein kurzer Satz gemalt wurden. So soll der vorbeifahrende Fremde \u00fcberredet werden, seine Reise f\u00fcr kurze Zeit zu unterbrechen, seinen l\u00e4ngst unbequem gewordenen Autositz gegen einige Schritte an der frischen Luft zu tauschen, sein Ziel vorerst zu vergessen und auf den Ruf seines m\u00fcden R\u00fcckens und seines inzwischen knurrenden Magens zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nNeben den ewigen und in ihrer Aufdringlichkeit nicht notwendigerweise wirklich einladenden und motivierenden \u201ein 1000 m: Fritten\u201c-Schildern finden sich Hunderte, die den neugierigen Touristen mit Angeboten ganz anderer Art locken. Ziegenk\u00e4se, Lavendel, frisch gepfl\u00fcckte Pfirsiche, Kirschen, Pilze, Maronen, Selbsteingekochtes und lokale Obstbrandspezialit\u00e4ten, aber auch hausgemachter Kuchen sind nur einige der unz\u00e4hligen Versprechen, die den Blick fern vom Asphalt in eine Welt voller Versuchungen lenken.<\/p>\n<p>Wer das Experiment wagt und beschlie\u00dft, den improvisierten Verkehrs- und Werbehinweisen eine Chance zu geben, staunt nicht schlecht, wenn sein Weg ihn zu einem wenig aufger\u00e4umten Vorhof f\u00fchrt, an dem an einer langen Kette ein w\u00fctender Hund den St\u00f6renfried lautstark und feindselig begr\u00fc\u00dft.<br \/>\nKein Hofladen ist hier zu sehen, kein Verkaufsstand.<br \/>\nEs w\u00e4re aber ein Fehler, auf dem Absatz kehrtzumachen. Geduld wird reich belohnt. Nach einer Weile bequemt sich eine gesch\u00e4ftige B\u00e4uerin etwas gereizt aus dem dunklen Haus oder der Scheune, bereit, den schimpfenden Vierbeiner in die Schranken zu weisen. Im n\u00e4chsten Augenblick jedoch strahlt ihr Gesicht. Den Anlass f\u00fcr diese unerwartete Unterbrechung in ihren Pflichten erkennt sie sofort. Der Besucher ist f\u00fcr sie mehr als ein Kunde. Er ist Gast, darf ihr Heim betreten, sich setzen, probieren, was er zu erwerben gedenkt. Was er in dieser sehr pers\u00f6nlichen und mitunter etwas chaotischen Umgebung entdeckt, ist nicht selten ein Splitter jener Magie, die unvergessliche Erinnerungen schafft: die Geschmacksexplosion eines unverf\u00e4lschten, l\u00e4ngst vergessenen Genusses, die verloren geglaubte sinnliche Erfahrung echter Lebensmittel, eine Qualit\u00e4t, f\u00fcr die es keinen ann\u00e4hernd ausreichenden Preis geben kann, und eine Liebe zum Beruf, die unreflektiert und mit entwaffnender Spontaneit\u00e4t das Gute schafft.<\/p>\n<p>Zuweilen ist nicht einmal ein Schild zu sehen: Am Ausgang einer schwierigen Haarnadelkurve, die dem Fahrer nach vielen Stunden am Steuer die letzte Energie abverlangt, steht in einer kleinen Parkbucht ganz unvermutet ein skurriler wackeliger Tisch, der mit einem sichtlich alten und zu kleinen Wachstuch notd\u00fcrftig dekoriert wurde. Ein Dutzend Gl\u00e4ser Honig mit kindlich handgeschriebenem Etikett stehen etwas verwaist neben einem kleinen Stapel Lavendelstr\u00e4u\u00dfchen da. In ihrer unbeholfenen Inszenierung sind sie reizend, ein wenig traurig und mitleiderregend vielleicht, aber auch ein zauberhafter und faszinierender Anblick. Auf einem schmutzigen Klappstuhl hinter dem kleinen Stand langweilt sich ein einsilbiger, offensichtlich sch\u00fcchterner Teenager, der es sicher niemals zu einer Meisterschaft im kaufm\u00e4nnischen Small Talk bringen wird.<br \/>\nSchenkt ihm sein Gespr\u00e4chspartner etwas Zeit und aufrichtige, wohlwollende, zur\u00fcckhaltende Aufmerksamkeit, erz\u00e4hlt er schlie\u00dflich doch ein wenig von sich: Dass er Damien hei\u00dft und seinen Geburtsort nie verlassen will, weil er sich nicht vorstellen kann, woanders zu leben; dass er eine Lieblingsziege hat, die ihn normalerweise begleitet, nur heute nicht, weil er an diesem Stand festsitzen muss. Und auf einmal redet er wie ein Wasserfall \u2013 dar\u00fcber, wie man den Honig \u201erichtig macht\u201c, \u00fcber die Bienen, die Bl\u00fcten, die sie brauchen. Wird er gefragt, ob er genug Honig verkaufen k\u00f6nne, ob es sich denn lohne, hier zu stehen, f\u00e4llt es ihm schwer, darauf zu antworten. In solchen Kategorien denkt er nicht. Er und seine Eltern h\u00e4tten doch schon alles, sagt er achselzuckend und zeigt dabei auf den gr\u00fcnen Hang hinter seinem Tischchen. Computer kennt er nat\u00fcrlich, aber sie interessieren ihn nicht. Sein Cousin in der Stadt habe einen, er spiele den ganzen Tag darauf. Er finde es l\u00e4cherlich, m\u00f6chte aber nicht mehr dazu sagen. Sein Honig verkaufe sich vor allem gut, wenn das Wetter nicht ganz so hei\u00df sei. Und darauf ist er stolz.<br \/>\nNach diesem Gespr\u00e4ch an diesem viel zu sonnigen Platz mitten im gef\u00fchlten Nirgendwo spielt der Preis auf dem kleinen Karton vor den Honiggl\u00e4sern unter dem Sonnenschirm keine Rolle. Es ist vollkommen egal, ob im Supermarkt 40 Kilometer weiter ein viel gr\u00f6\u00dferes Glas f\u00fcr nicht einmal die H\u00e4lfte zu bekommen w\u00e4re, es ist vollkommen egal, dass der Junge mit dem Wechselgeld Schwierigkeiten hat. Der nun entspannte und \u00fcbergl\u00fcckliche Tourist, dem langsam wieder auff\u00e4llt, dass er ein Ziel hatte, leider nicht ewig hier bleiben kann und seine Fahrt wiederaufnehmen muss, auch wenn es ihm gerade sehr widerstrebt, hat ohnehin l\u00e4ngst beschlossen, ihm den ganzen Schein zu schenken \u2013 und selbst das scheint besch\u00e4mend wenig, nicht im mindesten angemessen.<\/p>\n<p>Solche Erlebnisse, solche Begegnungen gibt es in den l\u00e4ndlichen Regionen Frankreichs \u00fcberall \u2013 in jeder kleinen Ortschaft, in der eine Gro\u00dfmutter auf einem umgedrehten Blumentopf vor der T\u00fcr selbstgemachte Konfit\u00fcre oder am Stra\u00dfenrand aufgelesene Esskastanien verkauft; an jedem Brunnen, an dem ein einzelner alter Bistrotisch und zwei rostige St\u00fchle ein Caf\u00e9 darstellen.<br \/>\nWas am Ende einer solchen Fahrt zur\u00fcckbleibt, sind unausl\u00f6schliche Impressionen, Bilder und Sinneseindr\u00fccke, die Herz und Gaumen einschlie\u00dfen und niemals wieder loslassen, und Bewunderung f\u00fcr die ansteckende Harmonie, die solche Gesch\u00e4ftsmodelle ausstrahlen: zwischen einem perfekten Produkt von echtem Wert, dem Gl\u00fcck, dem unvergleichlichen Genuss und dem unvergesslichen Augenblick, die sie dem Kunden schenken, und der Originalit\u00e4t, der Selbstverst\u00e4ndlichkeit und Nat\u00fcrlichkeit, mit denen sie es tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nDamiens Honig und der Ziegenk\u00e4se der fr\u00f6hlichen B\u00e4uerin brauchen keine Werbung, keine Claims, kein Gesch\u00e4ftsmodell, keinen Businessplan, keine Website, kein schickes Hofladenschild, keine stylischen Kraftpapiert\u00fctchen mit feschem Logo in Handschriften-Font und keine SEO. Sie sind gleichzeitig Luxus, Begehren, Einzigartigkeit und Aufrichtigkeit, Gl\u00fcck und Genuss, ihre Inszenierung ist die Wirklichkeit eines authentischen Lebens allein. Sie brauchen kein Marketing, weil sie selbst Marketing sind \u2013 und damit ein Modell und erstrebenswertes Beispiel f\u00fcr die Wirtschaft von morgen, f\u00fcr den Weg aus dem Einerlei des Mittelma\u00dfes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"important\">Ich danke ausdr\u00fccklich und sehr herzlich dem K\u00fcnstler Allan Kirk, der mir erlaubt hat, sein Aquarell \u201eWindow at Meze\u201c als Illustration zu diesem Artikel zu ver\u00f6ffentlichen. Ich hatte dieses Bild im November 2019 auf dem Twitter-Account des K\u00fcnstlers <a href=\"https:\/\/twitter.com\/tarnincolour\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">@tarnincolour<\/a> entdeckt, und es war damals schon mein Wunschbild f\u00fcr diesen Artikel. Allan Kirk hat mir auf sehr nette und erfrischende, unkomplizierte Weise diesen Traum erm\u00f6glicht, wof\u00fcr ich unendlich dankbar bin. So mache ich gerne eine Ausnahme von meiner Regel, in diesem Blog keine Links zu ver\u00f6ffentlichen: Mehr zu Allan Kirk und seine Werke sind auf seiner Website <a href=\"https:\/\/www.tarnincolour.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.tarnincolour.com<\/a> zu finden.<br \/>\nAlle Rechte f\u00fcr Aquarell und Foto verbleiben selbstverst\u00e4ndlich beim K\u00fcnstler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer im Sommer \u00fcber Landstra\u00dfen durch die franz\u00f6sische Provinz f\u00e4hrt \u2013 sei es, um weitab der Autobahn Staus zu entgehen oder die malerische Sch\u00f6nheit und&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/bindfaden-und-pappe\/\">mehr<span class=\"screen-reader-text\">Bindfaden und Pappe<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":545,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30],"tags":[12,31,32,33,9],"class_list":["post-533","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-features","tag-echte-werte","tag-genuegsamkeit","tag-landwirtschaftliche-erzeugnisse","tag-marketing","tag-wirtschaft","ratio-natural","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/533","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=533"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/533\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":561,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/533\/revisions\/561"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/545"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=533"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=533"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=533"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}