{"id":478,"date":"2020-09-06T16:47:58","date_gmt":"2020-09-06T14:47:58","guid":{"rendered":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/?p=478"},"modified":"2020-11-18T11:18:15","modified_gmt":"2020-11-18T10:18:15","slug":"teilen-statt-besitzen-die-ethisch-soziologischen-gefahren-eines-zeitgenoessischen-modells","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/teilen-statt-besitzen-die-ethisch-soziologischen-gefahren-eines-zeitgenoessischen-modells\/","title":{"rendered":"Teilen statt besitzen &#8211; die ethisch-soziologischen Gefahren eines zeitgen\u00f6ssischen Modells"},"content":{"rendered":"<p>Wir lernen es schon als Kind: Teilen ist gut. Es zeugt von Zuneigung, Freundschaft und Liebe, aber auch von erstrebenswerten Charaktereigenschaften wie Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und Selbstlosigkeit. Teilen zeigt, dass wir in der Lage sind, anderen den Vortritt zu lassen. Teilen ist das, was uns zu besseren Menschen macht.<!--more--><\/p>\n<p>Dabei ist Teilen keineswegs ein Merkmal des Menschen und in den Anf\u00e4ngen eigentlich nicht einmal ein ethischer Wert. Was uns anerzogen werden muss, ist f\u00fcr andere Primaten und S\u00e4ugetiere, aber auch V\u00f6gel, Ameisen und Bienen selbstverst\u00e4ndlich. Homo sapiens ist im Gegenteil vermutlich gerade die erste Art, die darin eine moralische Verpflichtung sieht, w\u00e4hrend die Natur vor und neben ihm nie gro\u00dfartig dar\u00fcber nachdenken oder sich dazu \u00fcberwinden musste. Dies ist leicht zu erkl\u00e4ren: Als der Versorgungs\u00fcberfluss das \u00dcberleben zur Nebensache machte, wurde aus der Notwendigkeit ein Luxus, den sich zu g\u00f6nnen nunmehr lediglich zum guten Ton geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>In letzter Zeit insbesondere kommt das Teilen in unseren westlichen Wohlstandsgesellschaften wieder in Mode \u2013 nicht als Ausdruck des tugendhaften Verhaltens eines Individuums, sondern als Konsum- und Wirtschaftsmodell: Teilen statt besitzen.<br \/>\nHeute kann vieles, ja beinahe alles geteilt werden: Car-Sharing, Download-Plattformen f\u00fcr B\u00fccher und Filme, Mietkleidung machen es m\u00f6glich. Um etwas zu nutzen, ist es nicht mehr n\u00f6tig, es zu kaufen und zu haben.<br \/>\nTeilen wird immer mehr zum Hype und als Allheilmittel gegen die Probleme und Schw\u00e4chen unserer Gesellschaft gefeiert.<br \/>\nFinanzielle Aspekte sind dabei oft nur am Rande relevant: Streaming-Dienste sind nicht wirklich preiswert, eBook-Reader genauso wenig. Angestrebt werden vor allem Komfort durch Platzgewinn, ein besseres Selbstbild durch Kaufreduzierung, Nachhaltigkeit durch Produktionsverzicht, aber auch psychologisches Wohlbefinden durch Minimalismus. In dieser neuen Sinngebung wird Teilen im Allgemeinen mit der Vorstellung gleichgesetzt, den eigenen Besitz nicht mehr so wichtig zu nehmen und sich Tiefgr\u00fcndigerem und Essentiellerem zu widmen. Es gilt, sich von materiellen Dingen zu befreien, um sich auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren.<br \/>\nTeilen gilt als sozial, \u00f6kologisch, verantwortungsvoll, bedeutsam und zukunftsweisend.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Entwicklungsl\u00e4ndern Sharing Economy in der Tat ein durchaus sinnvoller Weg in Richtung Autonomie und Arbeitsplatzbeschaffung sein kann, verkommt das Teilen bei uns allerdings zunehmend zur politisch-privaten Pose und wandelt auf seltsamen Pfaden zwischen aggressiv verteidigtem Glaubensbekenntnis und zur Schau gestelltem Lifestyle.<br \/>\n\u201eTeilen statt besitzen\u201c bedeutet hier deshalb nicht Verzicht, sondern im Gegenteil ungez\u00fcgelten Konsum und dessen bequeme Rechtfertigung.<br \/>\nGenauso, wie Menschen nachweislich mit physikalischem Geld sorgsamer umgehen als mit Kreditkarten und virtuellen Guthaben, weil ihnen bei einer Barzahlung bewusster wird, wie viel sie ausgeben, werden der Verbrauch auf Film- und Buch-Plattformen oder der permanent volle Kleiderschrank etwa nicht als real registriert und empfunden. Teilen ist wie virtuelles Kaufen sehr wohl Konsum, nur ohne die Last des schlechten Gewissens, das mit dem Erwerb eines ber\u00fchrbaren Gegenstands verbunden w\u00e4re. Die von den Servern oder f\u00fcr die Herstellung der Endger\u00e4te vernichteten Ressourcen werden gro\u00dfz\u00fcgig \u00fcbergangen oder als zu vernachl\u00e4ssigende Gr\u00f6\u00dfe sch\u00f6ngeredet, das \u00f6kologische Argument erstickt bald mit einem angenehm unwissenden Achselzucken unter Tausenden von heruntergeladenen Dateien, Tonnen von Plastik, Kupfer, Wasser und Gold und einem kaum zu \u00fcberblickenden Stromverbrauch.<br \/>\nTeilen bedeutet in dieser Hinsicht auch, sich von der mit dem Konsum verbundenen Verantwortung endg\u00fcltig zu befreien. Diese wird abgegeben und auf die anbietenden Unternehmen, auf die Gemeinschaft \u00fcbertragen, auf alle \u2026 und somit auf niemanden.<br \/>\n\u201eTeilen statt besitzen\u201c ist keine \u00f6konomisch und sozial reife und ethische Entscheidung, sondern das Gegenteil davon: Wenn sich niemand mehr zust\u00e4ndig f\u00fchlen muss, wenn alles allen geh\u00f6rt \u2026 wozu dann hegen und pflegen? Teilen ist das neue Credo und die neue Ausrede einer r\u00fccksichtslosen Wegwerfgesellschaft unter dem Heiligenschein einer vermeintlich weisen Einsicht.<\/p>\n<p>Weitaus schlimmer noch ist dabei die menschliche Komponente, und was die Kultur des Teilens \u00fcber die Entwicklung des Menschen als Individuum, der Gesellschaft und der Zivilisation offenbart.<br \/>\nWas zun\u00e4chst erstrebenswert, weise, fortschrittlich und l\u00f6blich anmutet, ist vor allem Symptom einer neueren und beunruhigenden Oberfl\u00e4chlichkeit.<br \/>\nWurden pers\u00f6nliche Dinge in der Vergangenheit gesch\u00e4tzt, ja geliebt, so werden sie durch das Nichtbesitzen auf ihre blo\u00dfe Funktion reduziert und somit austauschbar, und es verlieren auch andere wesentliche Elemente des Lebens an Relevanz \u2013 bis hin zu anderen Menschen selbst. Indem sich der Einzelne von Gef\u00fchlen f\u00fcr alles Materielle l\u00f6st, verliert er nicht zuletzt einen Gro\u00dfteil seiner F\u00e4higkeit zu emotionalen Bindungen \u00fcberhaupt. Wer nicht mehr lernt, Gegenst\u00e4nde als seine wertzusch\u00e4tzen, ihnen eine Bedeutung im eigenen Leben und f\u00fcr das eigene Leben einzur\u00e4umen, wird auch nicht in der Lage sein, Dingen und Lebewesen einen nicht utilitaristischen Wert beizumessen \u2013 und woran man nicht h\u00e4ngt, das behandelt man auch nicht gut.<br \/>\nEs schleichen sich durch diese Gleichg\u00fcltigkeit ein Abstumpfen, ein Verlust der emotionalen Lebensqualit\u00e4t ein: Keine Gef\u00fchle bedeuten au\u00dferdem keine Freuden, nur sinnloses, mattes Funktionieren.<br \/>\n\u201eTeilen statt besitzen\u201c bedeutet zudem den Verzicht auf Erinnerungen und das, was unsere Geschichte ausmacht und erdet. Der Einzelne und seine Vergangenheit werden austauschbar, wenn alle ohnehin das Gleiche aus derselben Quelle konsumieren und sich durch nichts definieren. Und Austauschbares ist entbehrlich.<\/p>\n<p>Diese Zweckm\u00e4\u00dfigkeit allen Tuns und allen Seins hat f\u00fcr die Auffassung der Umwelt und die Umsetzung des Umweltschutzes weitreichende und vernichtende Konsequenzen. Der Wert der Natur wird nicht emotional und individuell (an)erkannt, rezipiert und gelebt, sondern als Abstraktum betrachtet, schlimmstenfalls, wie Greta Thunbergs Bewegung <em>Fridays for Future<\/em> es \u00fcberdeutlich zeigt, nur noch anthropozentrisch als Notwendigkeit f\u00fcr das \u00dcberleben der Spezies. In einer von allen vermeintlich \u00fcberfl\u00fcssigen Bindungen gel\u00f6sten Welt geht es nicht mehr darum, die Natur oder den Planeten um ihretwillen oder um ihrer Sch\u00f6nheit willen zu bewahren, sondern die Rettung, den Fortbestand und in erster Linie den weiteren Wohlstand der Menschheit zu sichern \u2013 ein global betrachtet nicht nur anma\u00dfendes und d\u00fcnkelhaftes, sondern auch m\u00fc\u00dfiges Unterfangen.<br \/>\nDoch gerade die Reduzierung des Handelns auf das N\u00f6tigste, auf das Gebotene, Zweckm\u00e4\u00dfige und Unverbindliche \u00f6ffnet T\u00fcr und Tor zu einer entmenschlichten, roboterhaften Gesellschaft, der jede Ethik fremd ist und die sich selbst \u00fcberfl\u00fcssig macht.<\/p>\n<p>Das Modell \u201eTeilen statt besitzen\u201c z\u00fcchtet nicht selbstlose oder gro\u00dfz\u00fcgige, lebensfrohe und befreite Menschen, die sich ihrer selbst bewusst sind, sondern eine gleichf\u00f6rmige Masse kaltherziger, empathieloser, anthropozentrischer Egoisten, denen nichts mehr etwas bedeutet. Weisheit und Moral sind davon weit entfernt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir lernen es schon als Kind: Teilen ist gut. 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