{"id":474,"date":"2020-09-06T16:41:47","date_gmt":"2020-09-06T14:41:47","guid":{"rendered":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/?p=474"},"modified":"2020-09-07T13:56:36","modified_gmt":"2020-09-07T11:56:36","slug":"aesthetik-und-die-zukunft-der-wirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/textloft.de\/klein-fein-echt\/aesthetik-und-die-zukunft-der-wirtschaft\/","title":{"rendered":"\u00c4sthetik und die Zukunft der Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Ein grunds\u00e4tzliches Problem, mit dem Marketing-, PR- und Werbeagenturen seit jeher k\u00e4mpfen, ist die Vermeidung der Einebnung. In einer globalisierten Wirtschaft aber, in der sich die Angebote weltweit immer mehr angleichen, ist dies ein zunehmend schwieriges Unterfangen, das in den letzten Jahren zu einem Aufbl\u00fchen unz\u00e4hliger Strategien gef\u00fchrt hat. Community Building, Blogs, Storytelling, Personal Branding, SEO, USP, Nischenbildung, Zielgruppen geh\u00f6ren zu den heilversprechenden Schlagw\u00f6rtern, mit denen kundenhungrige Unternehmen zu Wohlstand kommen sollen.<\/p>\n<p>Einen kleinen, genauer gesagt mehrere kleine Sch\u00f6nheitsfehler haben diese Ans\u00e4tze jedoch.<!--more--><br \/>\nZum einen sind solche Strategien aufwendig und kostspielig. Ohne mindestens einen festangestellten Marketing- und Social Media-Manager ist an Erfolg nicht zu denken. Kleinstbetriebe haben von vornherein keine Chance und werden bei all den sch\u00f6nen, bunt gl\u00e4nzenden Theorien auch gar nicht ber\u00fccksichtigt oder gemeint.<br \/>\nDes Weiteren sind diese Wundermittel von beeindruckender Kurzlebigkeit. Was heute Kunden bringen soll, kann in zwei Wochen bereits v\u00f6llig \u00fcberholt sein. Selbst gr\u00f6\u00dfere Betriebe k\u00f6nnen schnell den Anschluss und damit ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit verlieren.<br \/>\nVor allem aber \u00fcbersehen die mit einer mitunter nicht zu \u00fcberlesenden \u00dcberheblichkeit erteilten Ratschl\u00e4ge zwei Dinge.<br \/>\nWachstum als unendlich zu betrachten zeugt von erheblicher Realit\u00e4tsferne und gef\u00e4hrlicher Hybris. Verschiedene Immobilien- und Aktienblasen in der Vergangenheit haben es zur Gen\u00fcge gezeigt, auch wenn dies ganz offensichtlich nicht zu sp\u00fcrbarer Belehrbarkeit oder Einsicht gef\u00fchrt hat. Wie bei einem \u00fcberf\u00fcllten Strand ist irgendwann Schluss: Der Markt ist f\u00fcr alle zu klein, nicht jeder kann seinen Platz darin finden. Noch mehr immer gleiche Produkte, die sich nur durch ihre Werbung unterscheiden aber keinen anderen Mehrwert als ihr Image bieten, wird er bei aller Trickserei und Sch\u00f6nrederei irgendwann nicht mehr verkraften k\u00f6nnen. Die Langeweile, die sich aus der Eint\u00f6nigkeit und Beliebigkeit des Angebots ergibt, kann einige Zeit noch eine mengenmotivierte Konsumwut befl\u00fcgeln, sie als ewig und selbstverst\u00e4ndlich anzusehen, w\u00e4re allerdings leichtsinnig. Die Minderheit der Konsumkritiker, die sich, wenn auch zaghaft und aus Gr\u00fcnden, \u00fcber die viel zu sagen w\u00e4re, allm\u00e4hlich formiert, wird m\u00f6glicherweise nicht zu einer bewussten Bewegung werden, aber dass sich eine gewisse M\u00fcdigkeit im Einerlei fl\u00e4chendeckend bemerkbar macht, ist nicht auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Dieser Teufelskreis aus Gleichf\u00f6rmigkeit und Sinnlosigkeit kennt allerdings eine Antwort: Kreativit\u00e4t. Sie ist es, von der erwartet werden darf und kann, Auswege und neue \u2013 f\u00fcr die Wirtschaft im allgemeinen volkswirtschaftlich und f\u00fcr kleinste Betriebe im Einzelnen \u2013 begehbare, also tats\u00e4chlich zu einem Ergebnis und einem konkreten Ziel f\u00fchrende Wege zu finden, die nicht in eine noch gr\u00f6\u00dfere Blase m\u00fcnden.<\/p>\n<p>Die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung stellen einen weiteren Faktor bzw. ein weiteres Argument dar. Wenn Algorithmen und Roboter nunmehr ohnehin viele der Aufgaben \u00fcbernehmen, die der linken Gehirnh\u00e4lfte zufallen, kann sich der Mensch k\u00fcnftig auf die Arbeiten konzentrieren, mit denen sich die rechte Gehirnh\u00e4lfte besch\u00e4ftigt. Vielmehr wird er es m\u00fcssen, wenn er weiterhin eine Besch\u00e4ftigung haben und sogar als Spezies \u00fcberleben will.<br \/>\nDies wirft nicht nur die Frage nach der Notwendigkeit eines BGEs auf, sondern er\u00f6ffnet ebenso die M\u00f6glichkeit, Wirtschaft und Markt dadurch neu zu definieren, dass wir uns auf ihre Anf\u00e4nge zur\u00fcckbesinnen.<\/p>\n<p>Gerade die alten und totgesagten Berufe werden in der Welt von morgen gute Chancen haben, sich wieder erfolgreich einzuf\u00fcgen, wenn auch auf neue Weise.<br \/>\nDie aktuelle Entwicklung in den Sozialen Netzwerken zeigt es bereits. Der Begriff \u201eManufaktur\u201c, der zum Hype zu werden drohte, steht auf sicheren F\u00fc\u00dfen f\u00fcr eine neue Gesinnung, neue Vorlieben und erstaunlich stabile Erfolgsmodelle.<br \/>\nIn Frankreich erleben die Berufsschulen einen seit Jahrzehnten nicht dagewesenen Ansturm auf Ausbildungen zu alten, verschwundenen handwerklichen Metiers und haben zum Teil nicht gen\u00fcgend Kapazit\u00e4ten, um alle Jugendlichen aufzunehmen, die Weidenflechter, Handweber, Kupferschmiede, Vergolder, Kirchenfenstermaler, Sticker, T\u00f6pfer und einiges mehr werden m\u00f6chten.<br \/>\nSchon heute werden weltweit kleinste kunsthandwerkliche Unternehmen und Solopreneure als wertvolle Partner der Luxusindustrie gesch\u00e4tzt und gesucht. So arbeitete ein ber\u00fchmtes franz\u00f6sisches Haute-Couture-Haus seit Jahrzehnten mit einer alten Dame zusammen, die auf einem entlegenen und einsamen Bauernhof in ihrer unscheinbaren Scheune mitten im Nirgendwo nach einer uralten Webetradition kostbare Bord\u00fcren anfertigte, die zu einem der Merkmale der Marke geworden waren. Leider blieb ihr Wissen untradiert, und so starb mit ihr ein Teil des Brandings. Heute versuchen Azubis, ihre Kunst zu rekonstruieren und wieder zum Leben zu erwecken.<br \/>\nAuch in anderen L\u00e4ndern und auf anderen Kontinenten sind es oft Einzelunternehmer des Handwerks aus den tiefsten Provinzen, die zum Partner moderner Konzerne werden und ihnen das liefern, was sie von der Masse unterscheidet: das Kleine und Feine, das Einzigartigkeit erschafft \u2013 die wahre und echte Gr\u00f6\u00dfe eines gelungenen Marketings und eines dauerhaft gewinnbringenden Business-Plans. Deutschland ist hier noch die negative Ausnahme.<\/p>\n<p>Nicht nur die Perfektion der Ausf\u00fchrung spielt dabei eine Rolle. Gesucht und gesch\u00e4tzt werden vielmehr die optischen Werte, die sich aus Tradition, Know-how und einem besonderen Ansatz im Selbstbild dieser Berufe ergeben: Sch\u00f6nheit wird zunehmend zu einem USP-relevanten Aspekt. \u00c4sthetik beschr\u00e4nkt sich in einem w\u00fctend umk\u00e4mpften Markt nicht mehr auf die fade Erfindung einer verg\u00e4nglichen Corporate Identity, die zu oft angepasst werden muss und au\u00dfer bei den wirklich sehr gro\u00dfen Konzernen unverkennbar an Relevanz verliert, sie wird als Merkmal und Muss eines jeden Produkts und einer jeden gesch\u00e4ftlichen Philosophie, als eigenst\u00e4ndiger Wert verstanden.<\/p>\n<p>In Japan ist diese Tendenz bereits zu einem selbstverst\u00e4ndlichen Wirtschaftsfaktor geworden. Dort ist auch abzulesen, dass eine solche Entwicklung zu einer neuen Definition der eigenen Anspr\u00fcche und des eigenen Selbstverst\u00e4ndnisses f\u00fchrt. Ein sinngebender und -ergebender Beruf ist in der japanischen Lesart von unermesslicher Bedeutung. Die Hinterfragung der Qualit\u00e4t nach getaner Arbeit, das Streben nach selbstgestellten Ma\u00dfst\u00e4ben, der Wille, Sch\u00f6nheit zu schenken und so das Leben anderer \u2013 sei es in Form von Erfolg und finanziellen Werten f\u00fcr Auftraggeber und Kunden, sei es in Form von Freude \u2013 zu bereichern, zeichnen einen realit\u00e4tsbezogenen Pankalismus, der sich nicht als Gegenpol zu Industrie und Wachstum versteht, sondern bewusst und stolz zu einer vern\u00fcnftigen, reflektierten und zukunftsf\u00e4higen Wirtschaft beitragen will. Diese versch\u00fctteten Ideale keimen in der westlichen Welt zunehmend wieder auf.<\/p>\n<p>Gerade diese k\u00fcnstlerische Denkart kann sich f\u00fcr die Welt von morgen als vernunft- und bodenst\u00e4ndigkeitsstiftend erweisen, indem sie weg von dem Wahn und der Hybris des \u201eImmer mehr\u201c hin zu einer ma\u00dfvollen, naturgerechteren Gen\u00fcgsamkeit des \u201eImmer besser\u201c f\u00fchrt. Dies entspr\u00e4che auch den Herausforderungen, die sich durch Klimawandel und \u00f6kologische Probleme wie Insektensterben und Abholzung der Regenw\u00e4lder ergeben, und dem sp\u00fcrbaren Bed\u00fcrfnis vieler Menschen nach Downshifting und Slow Life.<\/p>\n<p>In einem Universum voller Vergleichbarkeit, des Einerleis und des M\u00fc\u00dfigen, der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit, in dem Unternehmer immer fahriger und verzweifelter nach den kleinen Unterschieden suchen, um zu bestehen oder schlicht am Leben zu bleiben, kann das Sch\u00f6ne eine Vielzahl neuer M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Verdienst- und Lebensmodelle er\u00f6ffnen. Die Frage ist weniger, ob dieser Weg vorstellbar ist: Tats\u00e4chlich gibt es, wenn wir uns alle nicht selbst abschaffen wollen, keinen anderen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein grunds\u00e4tzliches Problem, mit dem Marketing-, PR- und Werbeagenturen seit jeher k\u00e4mpfen, ist die Vermeidung der Einebnung. 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